Sie sind hier: Home
Deutsch
English
Français
Nederlands
Mittwoch, 22. Februar 2012

Das Marmara Projekt

Den züchterischen Anstrengungen zur Verbesserung der Varroatoleranz stehen die Bedingungen praktischer Bienenhaltung gegenüber, deren Gepflogenheiten eher eine ungünstige Entwicklung des Wirt-Parasitverhältnisses bedingen.

Vor allem die Behandlung aller Völker unabhängig von ihrem Befall verdeckt Resistenzentwicklungen bei den Bienenvölkern und begünstigt Milben mit hohem Vermehrungspotential. In dem Marmaraprojekt wird ein Weg erprobt, mit möglichst niedrigem Aufwand eine Situation naturnaher Selektion herzustellen, die entweder Toleranz entstehen lässt oder Toleranzeigenschaften von selektierten Königinnen unterstützt.

 

Der Ansatz stützt sich auf die mehrfach dokumentierte Entstehung von Bienen erhöhter Toleranz unter natürlichen oder halbnatürlichen Bedingungen, meist nach erheblichen Volkszusammenbrüchen. Im Unterschied zu einer inakzeptablen Inkaufnahme von Völkerverlusten („live or die“) werden hochbefallene Völker allerdings behandelt und dann umgeweiselt. Dies entspricht einem „genetischen Tod“ des Bienenvolkes und möglicherweise schnellvermehrenden Milben sterben durch die Behandlung. Dagegen bleiben die Arbeiterinnen dem Imker erhalten, das Bienenvolk kann weiter genutzt werden.

 

Das vom BMELV unterstützte Projekt auf der Marmarainsel wurde in Kooperation mit der Uludag Universität in Bursa (Türkei) im Herbst 2009 begonnen, wobei von Anfang an einen Kooperation mit den dortigen Imkern Teil des Versuchskonzepts war. Dies sollte die Praktikabilität und Akzeptanz der Vorgehensweise sichern. Im Sommer 2010 wurde in 227 Völkern zunächst der Bienenbefall bestimmt. Hierbei wurde erstmals das Ausschütteln der Bienen mit Puderzucker eingesetzt, das sich seither als unaufwändige und zuverlässige Methode bewährt hat und besonders auch durch das Überleben der Bienenproben einen klaren Fortschritt in der praktischen Befallsdiagnostik darstellt. Auf Grundlage der Befallswerte wurden dann 20% der Völker unbehandelt gelassen und 29% der Völker nach der Behandlung umgeweiselt. Im Sommer 2011 wurden nunmehr 295 Völker beprobt, davon wurden 26% unbehandelt gelassen und 37% umgeweiselt. Auf diese konnte ein Selektiondruck auf höhere Varroosetoleranz ausgeübt werden.

 

Die bisherigen Erfahrungen unterstreichen, dass eine Bienenpopulation bei befallsschwellenabhängiger Behandlung unter stabilem und erträglichem Befallsdruck erhalten werden kann. Sie demonstrieren die Möglichkeit, zu einem jährlich einmaligen Behandlungszeitpunkt auf Grundlage der jeweils gegebenen Befallssituation eine Selektion durchzuführen, wobei zusätzliche Arbeiten und Listenführungen so vereinfacht werden können, dass sie auch unter sehr einfachen imkerlichen Bedingungen praktikabel bleiben. Langfristig sollte eine Verbesserung der Varroatoleranz anhand eines verringerten Befalls sichtbar werden, hierzu müssen allerdings noch bisher nicht teilnehmende Imker einbezogen und Bienenimporte vollständig unterbunden werden. Auch in diesem Anfangsstadium zeigt das Projekt, wie auch auf der Ebene praktischer Bienenhaltung ein ergänzender Beitrag zur einer langfristig günstigeren Entwicklung der Krankheitssituation geleistet werden kann.

 

Dr. habil. Stefan Fuchs

Institut für Bienenkunde Oberursel

08.09.2011