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Dienstag, 25. Juli 2017

Untersuchung der Reproduktion von Varroamilben zur Auslese auf varroasensitive Hygiene (VSH)

Ende der 90er Jahre beobachteten die amerikanischen Forscher John Harbo und Jeffrey Harris Völker, bei denen sich die in Arbeiterbrut eingedrungenen Varroamilben nur eingeschränkt vermehrten. Durch gezielte Selektion konnten sie diese Erscheinung in einer kleinen Versuchspopulation erheblich steigern und Völker auslesen, in denen die Milbenpopulation nachhaltig unter der Schadschwelle verharrt. Erst später entdeckt man, dass die gestörte Milbenreproduktion ursächlich auf ein sehr effektives Hygieneverhalten zurückzuführen ist, bei dem  die Bienen offenbar Zellen öffnen und teilweise ausräumen, in denen sich Varroamilben aktiv vermehren. Dadurch verringert sich im Laufe der Puppenphase die Befallsrate und die bis zum Schlupfzeitpunkt in der Brut verbleibenden Milben haben oftmals überhaupt keine oder aber verspätet angelegte Nachkommen. Man bezeichnet dieses Verhalten heute üblicherweise als varroasensitive Hygiene oder kurz VSH.

Bienen, die auf ein ausgeprägtes VSH-Verhalten ausgelesen sind, zeigen tendenziell auch bei dem in der AGT üblichen Nadeltest überdurchschnittliche Werte. Jedoch reicht dieser einfache Routinetest nach bisheriger Erfahrung nicht aus, um effektiv auf VSH auszulesen. Vielmehr empfiehlt die AGT, Prüfvölker mit relativ geringer Befallsentwicklung und guten Nadeltestergebnissen zusätzlich gezielt auf die Vermehrung der Milben in der Brut zu untersuchen.  

Hierzu entnimmt man dem Prüfvolk eine Brutwabe mit Brutzellen wenige Tage vorm Schlupf. Je höher der Varroabefall liegt, umso einfacher kann eine ausreichend große Stichprobe von Milben untersucht werden. Am besten wartet man daher bei unbehandelten Prüfvölkern bis Ende August/Anfang September bzw. bis unmittelbar zur Sommerbehandlung. Sobald der Bienenbefall auf Werte von 2 % und mehr ansteigt, sind in der Regel mindestens 10 % der verdeckelten Brutzellen parasitiert, so dass eine recht effektive Untersuchung des Reproduktionsverhaltens möglich ist.

Die Untersuchung kann entweder unmittelbar an frischen oder auch beliebig später an zwischenzeitlich eingefrorenen Waben erfolgen. Hierzu werden die Deckel Zelle für Zelle mit einer feinen Pinzette vorsichtig geöffnet und die Puppen aus der Zelle herausgezogen. Sofern  auf der Puppe bzw. in der Zelle Varroamilben angetroffen werden, wird unter Zuhilfenahme der Lupe sorgfältig die Anzahl und das Stadium aller Milben und Nymphen erfasst. Gleichzeitig wird das Alter der Wirtszelle anhand der Ausfärbungsmerkmale der Bienenpuppe bestimmt. Bei normaler Vermehrung findet man neben der ursprünglich eingedrungenen, dunkelbraun verfärbten Mutternilbe in Zellen kurz vorm Schlupf mindestens eine erwachsene, hellbraune und quer oval ausgeformte Tochtermilbe. Auf etwas jüngeren Puppen mit purpurfarbenen Augen muss mindestens eine querovale, weiß gefärbte Varroa-Deutonymphe vorhanden sein, damit bis zum Schlupf erwachsene Jungmilben entstehen können. Findet man hingegen keine oder ausschließlich jüngere Milbennachkommen,  ist die betreffende Muttermilbe als nichtreproduktiv einzustufen.

Um zu einer repräsentativen Beurteilung des durchschnittlichen Anteils nichtreproduktiver Milben zu kommen, empfiehlt sich eine Untersuchung von mindestens 20 bis maximal 50 befallenen Brutzellen.  Dabei  werden nur solche Zellen berücksichtigt, die ursprünglich von einer einzelnen Muttermilbe befallenen wurden und mindestens das Stadium „purpurfarbende Augen“ erreicht haben. Bei jüngeren Bienenstadien (Streckmaden, Puppen mit weißen oder rosa Augen) konnte das VSH-Verhalten möglicherweise noch nicht lange genug einwirken und die Alterseinstufung der Milbennachkommen wird zunehmend unsicherer.

Für die Untersuchung der Brut auf Milbenreproduktion  benötigt man einen gut ausgeleuchteten Arbeitsplatz mit einer Tischlupe oder einem Stereomikroskop mit etwa 10-facher Vergrößerung. Die korrekte Ansprache der Stadien bedarf etwas Übung, ist aber gut zu erlernen. Unten finden Sie ein Arbeitsblatt mit weitergehenden Hinweisen und Abbildungen der relevanten Stadien.

Wer selbst nicht über die notwendige Ausstattung und Zeit verfügt, sollte mit dem Bieneninstitut in Kirchhain, der AGT Geschäftsstelle oder erfahrenen Züchtern Kontakt aufnehmen. Soweit möglich wird eine externe Untersuchung der Brutwaben angeboten. Die AGT übernimmt dabei bis auf weiteres für ihre Mitglieder die Untersuchungskosten, so dass sie diesen Service kostenlos in Anspruch nehmen können.

VSH-Arbeitsblatt mit Hinweisen und Abbildungen zum Download (PDF)

Artikel zur Vorgehensweise zum Download (PDF)

Dr. Ralph Büchler