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Kontrollierte Königinnenzucht der AGT Hessen: Warum Inselbelegstellen und künstliche Besamung die Zukunft sind

Von den Bienen selbst geöffnete Zellen auf einer Brutwabe: ein deutliches Zeichen für Varroa-Toleranz.

Die Zucht von Bienenköniginnen ist mehr als nur ein Handwerk – sie ist die Grundlage für die Zukunft unserer Imkerei. Denn von den Königinnen hängt ab, wie sich die Zucht über Jahre hinweg entwickelt. Eigenschaften wie Sanftmut, Schwarmträgheit, Honigleistung oder auch die Widerstandskraft gegen Krankheiten und vor allem Varroa werden ganz wesentlich durch die Drohnen bestimmt, mit denen sich die Königin paart. Genau deshalb ist die Wahl der Begattungsmethode kein nebensächliches Detail, sondern entscheidend für den Erfolg unserer Zuchtarbeit.

Stand- und Landbegattung: ein Spiel mit hohem Risiko

Die einfachsten Wege, Königinnen begatten zu lassen, sind die Standbegattung am Heimatstand oder der Einsatz einer Landbelegstelle. Doch beide Methoden sind aus züchterischer Sicht riskant.

Am Stand bleibt völlig unklar, welche Drohnen beteiligt sind – sie stammen aus einem Umkreis von mehreren Kilometern, und ihre Eigenschaften sind nicht kontrollierbar. Landbelegstellen scheinen auf den ersten Blick besser, weil dort Drohnenvölker gezielt aufgestellt werden. In der Praxis aber reicht der Drohnendruck selten aus, um fremde Drohnen zuverlässig fernzuhalten. Das Ergebnis sind Fehlpaarungen, die mühsam aufgebaute Zuchtfortschritte schnell zunichtemachen. Für ernsthafte Zuchtarbeit ist dieses Risiko schlicht nicht hinnehmbar. Genau deshalb hat die AG Toleranzzucht klare Vorgaben entwickelt - Nur Königinnen, die mit sicher kontrollierten Drohnen verpaart wurden, dürfen in die weitere Zuchtarbeit einfließen. Ziel ist es, Eigenschaften wie Sanftmut, Vitalität und vor allem Varroa-Toleranz langfristig zu verbessern. Die Zucht- und Prüfordnung der AGT schreibt deshalb den Einsatz von geprüften Belegstellen oder künstlicher Besamung ausdrücklich vor.

SMR-Zuchtwerte: Bienen öffnen befallene Brut

Ein zentrales Werkzeug in der Toleranzzucht sind heute die sogenannten SMR-Zuchtwerte (Suppressed Mite Reproduction = unterdrückte Milbenvermehrung).
Dieser Wert beschreibt die Fähigkeit eines Bienenvolkes, Varroa-Milben in ihrer Fortpflanzung zu hemmen. Besonders aussagekräftig ist das Verhalten, befallene Brut selbstständig zu öffnen und auszuräumen – genau das zeigt das Foto einer Brutwabe mit geöffneten Zellen. Solche „geöffneten“ Zellen sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Bienen aktiv gegen die Milbe vorgehen.

Völker mit hohen SMR-Werten können die Ausbreitung der Varroa deutlich bremsen und benötigen weniger chemische Eingriffe. Damit diese wertvollen Eigenschaften erhalten bleiben, müssen die Königinnen unbedingt kontrolliert begattet werden. Schon eine einzige Fehlpaarung würde die Aussagekraft der Zuchtwerte verwässern und Tochtergenerationen wären aus Sicht des Zuchtfortschrittes nutzlos.

Inselbelegstellen: natürliche Paarung unter besten Bedingungen

Eine bewährte Möglichkeit, sichere Begattung und natürliches Verhalten zu verbinden, sind Inselbelegstellen. Sie liegen isoliert, meist vollständig von Wasser umgeben, sodass fremde Drohnen praktisch keinen Zugang haben. Auf der Insel selbst werden ausschließlich ausgewählte Drohnenvölker aufgestellt, oft Linien mit hohen SMR-Werten oder anderen geprüften Merkmalen.

Die jungen Königinnen können dort frei fliegen, sich mit einer Vielzahl dieser Drohnen paaren und erhalten so eine genetische Basis, die exakt auf die Zuchtziele der AGT abgestimmt ist. Für viele unserer Züchterinnen und Züchter sind Inselbelegstellen daher das Herzstück der praktischen Zuchtarbeit.

Künstliche Besamung: volle Kontrolle über die Genetik

Noch präziser ist die künstliche Besamung. Hier entnimmt der Züchter Sperma von gezielt ausgewählten Drohnen und bringt es direkt in die Königin ein. Damit ist absolut klar, welche Genetik in die nächste Generation übergeht.

Die Methode erfordert Fachwissen und spezielle Geräte, bietet aber entscheidende Vorteile:
- Gezielte Kreuzungen: bestimmte Linien können kombiniert werden, um gewünschte Eigenschaften zu verstärken.
- Erhalt und Steigerung von Zuchtfortschritten: Merkmale wie Varroa-Toleranz werden gesichert.
- Zuchtplanung über Jahre: Linien können systematisch aufgebaut und stabilisiert werden.

Ein besonderes Verfahren innerhalb der instrumentellen Besamung ist die sogenannte SDI (Single Drone Insemination = Eindrohnbesamung). Hier wird eine Königin ausschließlich mit dem Sperma eines einzigen Drohns besamt. Damit lassen sich genetische Effekte und Zuchtwerte besonders genau prüfen, weil die Nachkommen weitgehend einheitlich sind. SDI ist in der Zuchtarbeit unverzichtbar, da aber die Völker dadurch genetisch weniger vielfältig sind, sollte die Folgegenerationen deshalb immer eine Mehrdrohnbesamung / Inselbegattung sein.

Gerade in der Toleranzzucht ist die instrumentelle Besamung insgesamt unverzichtbar, weil sie Zuchtfortschritte nicht nur festhält, sondern noch gezielter weiterentwickelt.

Fazit: Sicherheit geht vor

Für die Zukunft der Imkerei ist es entscheidend, dass wir unsere Bienen gezielt und verantwortungsvoll weiterentwickeln. Standbegattung oder Landbelegstellen mögen für Hobbyzwecke und für Wirtschaftsvölker genügen, doch für ernsthafte Zuchtarbeit der AGT sind sie ungeeignet. Das Risiko der Fehlbegattung ist zu hoch und mit den Zielen der Zucht, insbesondere im Rahmen der AGT, und bei wichtigen Zuchtwerten wie SMR, nicht vereinbar.

Inselbelegstellen und künstliche Besamung hingegen bieten die nötige Sicherheit. Sie stellen sicher, dass wertvolle Eigenschaften wie Sanftmut, Leistung und Varroa-Toleranz zuverlässig vererbt werden. Damit leisten wir einen entscheidenden Beitrag dazu, dass unsere Bienenvölker auch in Zukunft stark, gesund und imkerfreundlich bleiben und wir das Zuchtziel Varroa-Toleranz 2033 erreichen.

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